Die Szenerie war fast schon gespenstisch, als sich in der Woche vor Weihnachten eine Dreissigerschar mehr oder minder aktiver Senioren im tiefsten Walde zur traditionellen Waldweihnacht versammelte: Der Wind fuhr mächtig in die Baumkronen, der Mond zeigte dann und wann sein fahles Gesicht durch schwarze Wolken, der Schein des Feuers verzerrte die Gesichter bis zur Unkenntlichkeit. Das erste Bier war getrunken, die ersten Mandarinen gegessen, als drei Männer aus der Dunkelheit traten: der St. Nikolaus mit rotem Mantel, Mirtha und Bischofsstab, begleitet von zwei Schmutzlis. Die angeregten Gespräche verstummten sogleich, als der Samichlaus zu den obligaten Ermahnungen anhob, aber auch mit Lob für gute Leistungen, Einsatz und Engagement nicht sparte. Keiner der Anwesenden ging vergessen – wie denn der Samichlaus nicht genug betonen konnte, dass seinem wachsamen Auge nichts entgeht und er die Turnerschaft auch dann finde, wenn sie glaubt, sich vor ihm auf dem Gmeumeri verstecken zu können. Schade, dass einige der in seinem dicken Buch vermerkten Sünden – oder seien es auch nur amüsante Anekdoten aus dem Vereinsleben – nicht persönlich angebracht werden konnten, weil sich die Betroffenen – aus Absicht oder Scham sei dahingestellt – den weisen Sprüchen des heiligen Mannes entzogen. Er wurde denn auch mit warmem Applaus bedacht, worauf sich die Turnerschaft an den mittlerweile schön gegrillten Würsten gütlich tat und noch lange im Wald verharrte, bis man den stimmungsvollen Abend mit einem langen Fussmarsch beschloss. — Die ganze Last des Vereins müsse nicht immer auf den gleichen Schultern liegen, ein jeder könne zu einem vielfältigen Turnbetrieb beitragen, mahnte der Samichlaus an und hatte damit, wie dieser Bericht eines sonst stillen Vereinsmitglieds zeigt, ersten Erfolg.
Text: Georges Fritz